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Gendersternchen

Gendersternchen ja oder nein?

Am Freitag hatte der Rat für deutsche Rechtschreibung getagt. Ein Tagesordnungspunkt war die Abstimmung darüber, ob Zeichen wie Gendersternchen, Unterstrich, Doppelpunkt oder Binnenbuchstaben offiziell Eingang in die deutsche Sprache erhalten würden.

Dies wurde zwar einstimmig abgelehnt. Allerdings nach Kontroversen.

Die Ablehnungsbegründung lautete, dass Genderzeichen leicht zu grammatischen Folgeproblemen führen würden. Aus meinem Berufsalltag als Texterin und Germanistin muss ich das leider bestätigen – und glaubt mir, das schmerzt niemand mehr als mich. Denn die Liberalisierung unserer Gesellschaft begrüße ich mit offenen Armen. Ich bedauere es fast körperlich, wie störrisch sich die deutsche Sprache, diese blöde Kuh, gegen unsere Buntwerdung stemmt.

Wenn Gendersternchen kognitive Dissonanz verursachen

Und damit bin ich, glaube ich, nicht alleine. Auch die Kontroversen des Rechtschreibrats, siehe oben, führe ich auf folgende kognitive Dissonanz zurück: Dass Deutsch halt hochkompliziert ist – weshalb bislang auch noch niemand eine duden-taugliche Genderlösung für unsere bunter werdende Welt vorzeigen konnte.

Gendersternchen im Unternehmenskontext

Als freie Texterin schreibe ich für unterschiedliche Unternehmen. Um in deren corporate Language schreiben zu können, befrage ich meine Kunden defaultmäßig dazu, ob sie das mit dem Gendern geregelt haben. Und wenn ja, wie genau. Wenn ich‘s richtig beobachtet habe, verteilt sich das Spektrum meiner eigenen Kunden analog zu den DAX-Konzernen: 64 % davon hatten sich bis zum Jahr 2022 völlig eigene Genderregeln zurechtgedengelt. Der Rest duckt sich beim Thema Gendersternchen weg.

Da Orthografieinstitutionen wie der Duden noch keine Regeln festgelegt haben, fallen die Individualregelungen natürlich von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich aus. Folgendermaßen genderte zum Beispiel Audi im Jahr 2021:


„Der_ die BsM-Expert_in ist qualifi-zierte_r Fachexpert_in für die jeweilige BsM-Art und kennt die funktionalen und technischen Zusammenhänge im Fahrzeug. Der_ die BsM-Expert_in hat folgende Aufgaben: Unterstützt bei der Bewertung der BsM-Relevanz (veranlasst durch den_ die verantwortliche_n Spezifika-teur_in, Modulverantwortliche_n, QLAH-Autor_in)“. (Quelle: Fokus)


Wogegen ein externer Mitarbeiter prompt Klage erhob.

Solche Texte sind in meinem Berufsalltag nicht die Regel – aber tatsächlich stehe ich immer wieder mal vor ähnlichen Herausforderungen. Sie tauchen – wie hier bei Audi – insbesondere im Bereich der HR-Kommunikation auf. Der Grund dafür ist, dass in HR-Texten nicht neutral über eine Organisation, über Produkte oder Services gesprochen wird, sondern über einzelne Menschen und deren persönliche Skills und Qualifikationen. Viele Unternehmen nutzen im Karrierebereich zudem auf einmal die direkte Ansprache „du“ oder „Sie“ – oder vermeiden sie krampfig, siehe Audi-Text. Schön ist das nicht, verständlich auch nicht. Aber juristisch korrekt und womöglich sogar gerecht. Trotzdem sehen wir schon: Das kann noch nicht die Lösung sein.

Wo’s mit dem Gendersternchen schwierig wird

Über diese speziellen Kommunikationsbereiche hinaus beobachte ich bei meinen Kunden beim Thema Gendern viele weitere Herausforderungen, die nicht einfach mit dem Tipp: „Na, dann nutzt halt einfach alle das Gendersternchen!“ gelöst werden können. Ich gebe euch einige Beispiele:

1. Es geht beim Gendern nicht nur um Substantive

Die Diskussion ums Gendersternchen verleitet schnell zu der Annahme, man müsse nur die Substantive im Text gendern oder beim Sprechen den Glottisschlag benutzen. Und dann könne man easy losgendern.

Das ist leider falsch.

Das bemerken ganz exponiert wir Menschen, die täglich Unternehmenstexte bearbeiten. Ich sag’s mal so: Genderzeichen greifen derart profund in deutsche Sprachkontexte ein, dass im Grunde genommen die eigene Muttersprache umgelernt werden müsste. Zu einer neuen Semiotik kommen Veränderungen des Satzbaus, eine Überrepräsentation von Pluralen, neu erfundene Ersatzplurale und Wortendungen, die Etablierung grammatikalisch falscher Substantivierungen, Folgeprobleme hinein in Personalpronomina und Relativsätze – das sind einige der sprachlichen Folgeherausforderungen von Genderzeichen, auf die jetzt ganz aktuell auch wieder der Rat für deutsche Rechtschreibung hingewiesen hat.

2. Die Funktion des Gendersternchens versteht jeder unterschiedlich

Die Semantik, also im weitesten Sinne das Verständnis darüber, welche Bedeutung/Funktion diese Genderzeichen eigentlich haben sollen, ist innerhalb unserer Gesellschaft nicht eindeutig. Viele Menschen gehen noch immer davon aus, dass damit „nur“ Frauen sprachlich sichtbar gemacht werden sollen. Andere möchten mit dem Gendersternchen jedoch darauf hinweisen, dass es nicht nur zwei binäre Geschlechter gibt, sondern ein ganzes Geschlechterspektrum. Dazu kommt, dass viele Menschen in der Diskussion über biologisches Geschlecht vs. Identifikation ebensowenig sattelfest sind wie bei den Unterschieden zwischen Gendersternchen und gendersensibler Sprache. Und als nächstes gibt es auch in Unternehmen viele Menschen, die diese komplizierte akademische Diskussion sowieso nicht nachvollziehen können oder wollen und sich dem Thema elegant entziehen. Die Debatte darüber, ob Gendersternchen und Unterstrich superintegrativ sind, weil ihre Form a) symbolisch in alle Richtungen zeigt bzw. b) als Leerstelle für alle Geschlechter stehen würde, während Doppelpunkte halt nur binär seien, traue ich mich hier gar nicht anzubringen.

Diese semantische Uneinigkeit in Knowhow und Weltanschauung zieht sich natürlich auch tief durch die Unternehmen. Da als Texter beratend zur Seite zu stehen und den Kunden zu einer allseits akzeptierten Sprachlösung zu führen ist in vielen Fällen müßig.

3. Gendert ihr eigentlich auf Englisch?

Bei meinen internationalen Kunden arbeite ich mitunter zwei-, manchmal sogar dreisprachig. Deutsch, Italienisch und Englisch. Nach meiner Beobachtung sind viele Menschen bereits weit übers Gendersternchen hinaus mit den komplizierten und ungeklärten Gendervorschlägen auf Deutsch völlig überfordert. Was Gendern in Fremdsprachen anbelangt: da hört’s bei den meisten dann wirklich auf. Unternehmen auf diesem Minenfeld zu beraten empfinde ich als kaum mehr machbar. Ihr so? Habt ihr euch schon damit auseinandergesetzt, wie Gendern auf Englisch, Französisch, Italienisch oder Russisch geht und wie man dafür fluffige Standards und Prozesse entwickelt, die Teams lieben?

4. Transcreation: Wie adaptiere ich persönliche Weltanschauung?

Für mehrere meiner internationalen Auftraggeber texte ich Blogartikel, in denen Expert:innen aus zahlreichen Ländern zu Wort kommen. Da kommt es immer wieder vor, dass ich Artikel aus dem Englischen oder Italienischen ins Deutsche adaptiere, und zwar ohne je persönlichen Kontakt zu den Autor:innen oder Inputgeber:innen gehabt zu haben. Es gibt bei vielen Unternehmen weder Standards noch Prozesse, ob die individuellen Äußerungen von nicht-muttersprachlichen Interviewpartnern gegendert werden sollen oder nicht.

Regelmäßig fühle ich mich bei solchen Aufgaben, als würde ich den Menschen, deren Stimmen ich dann gemäß der corporate Language gendere, eine Unternehmenspolitik aufzwingen, während ich doch gar nicht wissen kann, wie sie persönlich zu einer sich verändernden Welt stehen und ob sie im Deutschen gendern würden – wenn sie von unserer Genderdebatte wüssten.

Meine Funktion als Transcreator wird an dem Punkt ad absurdum geführt, weil ich nicht mehr die Aussagen der:s Autors:in (⬅️ schaut mal, spätestens da hätte der Rat für deutsche Rechtschreibung aber aufgejault) übersetze, sondern schematisch für eine Unternehmenspolitik. Und: Ja, selbstverständlich übersetze ich auch eine konservative Autorenhaltung ins Deutsche. Und zwar genau so wie sie halt gemeint ist. Das ist mein Job. Mein Job ist nicht, die Worte von Menschen nach Belieben in mein eigenes Weltbild reinzumorphen.

5. Gendersternchen bei Screenreadern

Im digitalen Raum behindern Genderzeichen den Lesefluss von Menschen mit Sehbehinderung und/oder Lese-Rechtschreibschwäche. In dem Zusammenhang müssen Unternehmen informiert werden, dass ihre Entscheidung für Genderzeichen automatisch andere Gruppen benachteiligt.

6. Das Gendersternchen kaschiert die reale Diskriminierung

In vielen Unternehmen werden Nicht-Männer nach wie vor real diskriminiert. Ihr kennt das: Frauen, und ich glaube auch LGBTQI+-Menschen, können statistisch gesehen weniger Kohle als Männer erwarten und sich perspektivisch auch noch mit einem erhöhten Risiko von Altersarmut auseinandersetzen. Manchmal bekomme ich ja bei meinen Kunden auch den Flurfunk mit. Und höre bei dem Thema, dass die Betroffenen knappe unternehmerische Ressourcen lieber für eine Kinderkrippe oder für Workshops gegen Mobbing eingesetzt sähen, statt für die korrrrrrrekte Aushandlung des Gendersternchens.

Chefarzt (m/w/d) – juristische Errungenschaften beim Gendern

Über meine beruflichen Alltagssituationen hinaus bedauere ich die verhärteten Positionen und insbesondere die juristischen Scharmützel bei der Debatte ums Gendern. Denn irgendwie bringen sie uns gesellschaftlich nicht voran. Das zeigt sich für mich zum Beispiel in dem Präzedenzurteil, nach dem Unternehmen ihre Stellenausschreibungen so formulieren sollen, dass sich niemand mehr wegen seines:ihres Geschlechts benachteiligt fühlen soll.

Die mega Veränderung? Im Lesefluss zementieren die meisten Unternehmen seither das generische Maskulinum und kleben „(m/w/d)“ oder „(all genders)“ dahinter. Ganz ehrlich? Für mich ist das kein Schritt hin zu mehr Sichtbarkeit aller Geschlechter, sondern die Mumifizierung einer patriarchalen Gesellschaftsstruktur. Eine Stellenanzeige, in der ein

Chefarzt (m/w/d)

gesucht wird, lese ich halt so, dass da – wie seit Jahrhunderten – weiterhin ein männlicher Chefarzt gesucht und keine anderen Geschlechter mitgemeint sind. Als nächstes wird in der Klammer gleich nochmal der männliche Bewerber hierarchisch an die erste Stelle gesetzt (m). Dann die Bewerberin (w). Und schließlich alle Geschlechter (d). Wisster Bescheid.

Ens Käufens und ens Einkaufskorb – ens Käufer und ens Einkaufskorb

Noch eens: Wenn Gendern im Deutschen wirklich so easy standardisierbar wäre wie es manche behaupten, dann würden es Menschen und Unternehmen längst tun. Ich hatte ja oben schon gesagt, dass bislang noch niemand eine gangbare grammatische Lösung vorschlagen konnte. Wie schwierig Gendern sogar für Expert:innen ist, möchte ich euch anekdotisch in folgendem tagesthemen-Interview mit ens Gender-expertens Prof.ens Dr.ens Lann Hornscheidt zeigen. Darin scheitert ex/ens selbst an exem/ensem Vorschlag, jede geschlechtsidentifikatorische Wortendung mit „ens“ zu ersetzen. Ex/Ens schlägt darin vor, statt „Käufer“ zukünftig halt einfach genderneutral „Käufens“ zu sagen – verirrt sich dann jedoch beim Sprechen selbst wieder ins generisch männliche „Käufer“.

Könnt ihr noch folgen? Ach, schaut einfach das Video, Minute 1:56 bis 2:52.


Mein Gefühl: Mit diesem pseudogenialen Daniel-Düsentrieb-Rumgebastle am Deutschen kommen wir nicht weiter.

Meiner Beobachtung nach liegt die Zurückhaltung von Unternehmen beim Gendern nicht daran, dass die Idee einer diversen Welt mit vielen gleichberechtigten Geschlechtern grundsätzlich nicht akzeptiert würde. Sondern vielmehr daran, dass es die deutsche Sprache weder dem Rat für deutsche Rechtschreibung noch Lann Hornscheidt besonders leicht macht, einer veränderten Welt grammatikalisch gerecht zu werden.

Wie kommt man aus einem Artikel über Gendersternchen jemals wieder raus?

Indem man Dr. Josef Lange vom Rat für deutsche Rechtschreibung zitiert. Am Freitag habe ich sein Interview auf Bayern2 zur Ratsentscheidung gegen die Genderzeichen gehört. Darin ordnete er (sic!) zum einen ein, dass das Gendersternchen noch nicht die adäquate Sprachlösung für unsere zusehends bunter werdende Welt zu sein scheint.

Zum anderen hat er sinngemäß daran erinnert, dass das Ziel von Gendern nicht Streiten, sondern eine Respektsbekundung ist. Respekt vor anderen Menschen. 🌈

Ansätze übers Gendersternchen hinaus

Vielleicht hilft uns diese Perspektive: Womöglich sind Gendersternchen, Unterstrich & Co. sprachlichtechnisch einfach nicht machbar – so sehr sich das viele von uns wünschen würden. Aber, und das ist die gute Nachricht: Vielleicht stehen uns – wenn wir uns nicht weiter in die Semiotik bzw. in die Typografie verbeissen – auch andere mächtige sprachkulturelle Mittel zur Verfügung, um unser Ziel, nämlich allen Menschen mit Respekt gegenüberzutreten, zu erreichen.

Zu dem Behufe schlägt Josef Lange vor, sich Gedanken über gendernsensibles Deutsch zu machen. Und da Sprechen immer mit einer inneren Haltung beginnt, könnten wir ja einfach alle mal ehrlich unsere Haltung anderen Menschen gegenüber reflektieren.

Danke fürs ellenlange Lesen. Ich bin sehr gespannt, wo uns die Debatte ums Gendersternchen in zehn Jahren hingeführt haben wird.

Ich bin in der Doppelmission unterwegs, a) der schönen Kunst der Sprachjonglage ein Denkmal zu bauen und b) wertvolle Einblicke ins maximal durchtrivialsierte Leben einer Texterin zu eröffnen. Verpassen Sie keinen Bloqqartikel mehr und liken Sie Fräulein Bloqqa auf Facebook. Etwas weniger schillernd – aber immerhin auch social – geht’s auf LinkedIn und XING zu.

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